Rahmenbedingungen im Reich der Mitte
Politik in China
Wettbewerb in China
Kunden in China
Fünf Fragen für Ihre China-Strategie
Welche Geschäftsmodelle sollten wir nutzen?
Können wir mit den Unsicherheiten in China leben?
Fazit
EDWARD TSE
© 2010 Harvard Business School Publishing
Produktnummer 201006066, siehe Seite 104
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Von Edward Tse
Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um den chinesischen Markt zu betreten oder um dort zu expandieren? Einerseits scheint die Antwort auf diese Frage auf der Hand zu liegen. Während viele andere Länder im wirtschaftlichen Koma liegen, ist China hellwach - Goldman Sachs er-wartet ein Wirtschaftswachstum von 11 Prozent im Jahr 2010. Andererseits sind die Zeiten für ausländische Investoren nicht eben rosig. Der Streit zwischen Google und der Regierung sowie die nach wie vor bestehenden Probleme mit dem Schutz geistigen Eigentums und beschränkten Beteiligungsmöglichkeiten von Ausländern lassen CEOs grübeln, ob ein Engagement in China das Risiko wert ist.
In einem Artikel im Magazin "Time" (www. time.com - Suchwort: The China Fix) hat James McGregor, Berater und früherer Leiter der amerikanischen Handelskammer in China, über die Probleme geschrieben, die ausländische Investoren in China plagen: Konkurrenz durch billige Imitate, Wettbewerb mit Staatsunternehmen, die besondere Privilegien genießen, und eine offensichtlich zwiespältige Politik, die sich zum Beispiel an einer selektiven Umsetzung von Regeln der Welthandelsorganisation WTO zeigt. Die CEOs "haben schlaflose Nächte wegen der Sorge, dass ihre einstigen Partner zu Feinden werden, dass staatlich subventionierte Riesenunternehmen sie mit ihrer eigenen Technologie und ihrem eigenen Wissen konfrontieren - in Form gnadenlos günstiger Produkte", schrieb McGregor. Zudem entsteht zunehmend der Eindruck, dass China seine Haltung gegenüber der restlichen Welt verschärft, indem es zum Beispiel die USA für die globale Finanzkrise verantwortlich macht und einheimische Unternehmen ausländischen gegenüber bevorzugt.
Diese Herausforderungen sind real. Aber neu sind sie nicht - und nur ein Teil des Gesamtbildes. In einem komplexen Land wie China aktiv zu werden, ohne es wirklich zu verstehen, ist töricht. Zwar hat die chinesische Regierung schon 1978 damit begonnen, die Wirtschaft des Landes zu deregulieren. Trotzdem aber hat sie sich nie wirklich zurückgezogen und immer versucht, den Wunsch nach Wachstum - und das dafür nötige Unternehmertum - mit ihrem noch größeren Bedürfnis in Einklang zu bringen, soziale und politische Stabilität aufrechtzuerhalten. Immer noch ist es ausländischen Unternehmen verboten, in Schlüsselbranchen wie Telekommunikation oder Medien zu operieren. Außerdem hat die Regierung staatseigene Unternehmen wie Baosteel, die Industrial and Commercial Bank of China, China National Petroleum und China Telecom restrukturiert und gestärkt. Diese entwickeln sich zu harten Wettbewerbern, vor allem weil sie die Rückendeckung des Staates haben.
In den für alle Unternehmen zugänglichen Sektoren ist China mit Wettbewerbern dagegen förmlich überflutet, sowohl aus dem In- wie aus dem Ausland. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Die Zahl privater Unternehmen in China ist von 140 000 im Jahr 1992 auf 6,6 Millionen Ende 2008 gestiegen; die der ausländischen Firmen wuchs auf 435 000. Von den "Fortune"-500-Unternehmen sind nach Angaben der Regierung bereits 480 in China aktiv. Zusammengenommen ergibt das einen Markt, in dem Chinesen und Ausländer ums Überleben kämpfen müssen. Mehreren Umfragen zufolge steigen zwar die Gewinne allmählich, doch für die meisten multinationalen Firmen ist es immer noch schwer, in China dieselben Margen zu erreichen wie auf dem Heimatmarkt. Inzwischen glauben viele Manager und Unternehmer, dass es für einen erfolgreichen Start in China schon bald zu spät ist.
Tatsächlich mag es beängstigend sein, über einen Einstieg in den wahrscheinlich kompliziertesten und zugleich umkämpftesten Markt der Welt nachzudenken. Doch wäre es ein Fehler zu glauben, dass das nicht nötig ist. Nur wenige westliche Unternehmen haben erwartet, dass China sich so schnell erholen würde (siehe Grafik rechts). Noch weniger sind darauf vorbereitet, dass China im Hinblick auf Produktion und Konsum bald die Wachstumsmaschine der Welt sein wird. Dafür gibt es zwei Belege: Erstens hat China die USA im Jahr 2009 als größter Automarkt der Welt überholt. Zweitens haben die 500 größten Unternehmen des Landes allein im ersten Halbjahr 2009 zusammen Nettogewinne von 170,6 Milliarden US-Dollar erzielt, wie aus einem Bericht der China Enterprise Confederation und der China Enterprise Directors Association hervorgeht. Damit haben sie zum ersten Mal das Ergebnis der 500 größten US-Unternehmen übertroffen. Das lag im selben Zeitraum bei 98,9 Milliarden Dollar. China wird die USA nicht nur früher als bislang erwartet als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen: Wegen des starken Wachstums in China (und Indien) könnten bis 2030 sogar rund 50 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung aus Asien kommen.