RSS Montag, 21. Mai 2012

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Mit CORY DOCTOROW sprach

© 2009 Harvard Business School Publishing

Produktnummer 200910056, siehe Seite 128

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Anzahl Seiten: 13
Anzahl Zeichen: 19.282
Anzahl Worte: 2.786
Preis: 4,00 €

Internet

"Kopieren zu verteufeln ist Heuchelei"

Von Diane Coutu

Der Science-Fiction-Autor Cory Doctorow verteilt seine Werke kostenlos über das Web - und verdient damit dennoch Geld. Im Interview spricht er darüber, wie die Technik unsere Gesellschaft verändert, der einzelne Nutzer mächtiger wird und warum eine erfolgreiche Erfindung auch nur eine Kopie sein kann.

Mr. Doctorow, Ihr Kollege Frederik Pohl hat einmal gesagt, dass Science-Fiction-Autoren nicht das Automobil voraussagen, sondern den Verkehrsstau.

DOCTOROW Das ist wirklich eine sehr interessante Sichtweise, die er da einnimmt; denn ich glaube nicht, dass Science-Fiction-Autoren die Zukunft voraussagen. In unserem Genre ging es schon immer um die Gegenwart, auch wenn sie in futuristischem Gewand daherkommt. Wir versuchen in unseren Geschichten die Auswirkungen der Technik auf die Gesellschaft (und umgekehrt) zu thematisieren. Mary Shelley, die Autorin von "Frankenstein", hat mit ihrem Roman ja schließlich auch nicht prophezeit, dass wir in Zukunft Menschen aus Leichen erschaffen und mit einem Blitz zum Leben erwecken werden. Sie wollte uns vielmehr sagen, dass wir eines Tages vielleicht nicht mehr Meister, sondern Sklaven unserer eigenen Technik sein könnten. Mit Zukunftsvoraussagen hat das eigentlich nichts zu tun. Mary Shelley machte sich eher Sorgen um die Gegenwart.

Und was raubt Ihnen in unserer Gegenwart den Schlaf?

DOCTOROW Ich bin beunruhigt darüber, wie die Regierungen Technik im sogenannten Krieg gegen den Terrorismus einsetzen. In meinem neuesten Roman "Little Brother" geht es um junge Hacker in San Francisco, die der US-Behörde für Heimatschutz den Krieg erklären, weil diese nach einem terroristischen Anschlag auf die Stadt mit übertrieben scharfen Überwachungsmaßnahmen gegen die Bevölkerung vorgeht. Die jungen Leute sind zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort, geraten in Verdacht, Terroristen zu sein, werden illegalerweise inhaftiert und gefoltert. Das Buch veranschaulicht Kapitel für Kapitel, was an den technischen Systemen, die wir entwickelt haben, alles nicht stimmt, und zeigt, wie leicht ein Bürger diese Technologien außer Gefecht setzen kann. Der Roman will junge Menschen dazu ermutigen, sich Kontrolle über die Technik zu verschaffen, um für ihre Freiheit im 21. Jahrhundert zu kämpfen.

In George Orwells Roman "1984" ist die Hauptfigur Winston am Ende ein gebrochener Mann. Ihr w1n5t0n (Hacker-Schreibweise für Winston) dagegen geht siegreich aus seinem Kampf hervor. Warum diese Abweichung von Orwell?

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