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Preis: 6,00 €
Von Sarah Bastgen, Svenja Falk und Cornelia Hegele-Raih
Thiruselvi aus Gudalur irrte mit ihrem nur wenige Monate alten Kind auf den Straßen von Chennai (früher: Madras, im indischen Bundesstaat Tamil Nadu) umher. Mit nur wenig mehr als Lumpen am Leib lebte die psychisch kranke Frau vom Betteln und Stehlen, bis die Polizei sie schließlich aufgriff. Nur wenige Monate später, am 20. Januar 2008, lief Thiruselvi beim größten Marathon Asiens in Mumbai mit, um für die Organisation, die ihr und über 2000 anderen obdachlosen und psychisch kranken Frauen ein neues Leben ermöglicht hat, Spenden zu sammeln.
Es ist schwierig, die Geschichte dieser bemerkenswerten Organisation (die von der Zeitschrift "India Today" kürzlich zu einem der 50 wichtigsten Pioniere des Wandels in Indien gewählt wurde) und ihrer außergewöhnlichen Gründerinnen, Vandana und Vaishnavi, zu erzählen, ohne bei den typischen Klischees über Armut oder Benachteiligung von Frauen in Indien zu enden. Doch vielleicht ist genau eine solche Geschichte geeignet, diese Vorurteile aufzubrechen und das andere Indien zu sehen - ein Land, das vor allem durch das Engagement, den Ehrgeiz und eine spezifische Beharrlichkeit der Menschen zu einer aufstrebenden und sich rasch modernisierenden Wirtschaftsnation geworden ist, die in einigen Aspekten sogar eher dem Westen als Vorbild dienen könnte als umgekehrt.
1993 lief Vandana Gopikuma, damals 23 Jahre alt und Studentin des Masterstudiengangs Social Work, vor ihrem College auf der Haddows Road im südindischen Chennai eine halb nackte, völlig verwahrloste Frau in die Arme. Sie war offensichtlich in größter Not, hatte kein Dach über dem Kopf. Niemand nahm Notiz von ihr.
Vandana wollte wie alle anderen achtlos vorüberhastenden Menschen eigentlich nur schnell nach Hause. Doch sie fühlte auf einmal diesen Funken der Verantwortung für ein verletzliches menschliches Wesen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Vaishnavi Jayakumar suchte Vandana für die Frau einen Ort, an dem man sich um sie kümmern und ihr helfen würde. Es gab diesen Ort in Chennai nicht.
Vandana und Vaishnavi beschlossen im gleichen Moment, sich der obdachlosen Frau anzunehmen. In einem Land, in dem vermutlich Zehntausende Menschen auf den Straßen der Großstädte leben und diese Tatsache gewöhnlich eher mit Gleichmut hingenommen wird, könnte eine solche Entscheidung auf den ersten Blick irrational wirken - so wie jeder Akt der Barmherzigkeit in gewisser Weise im positiven Sinne naiv ist und häufig mehr von Leidenschaft getrieben wird als von Vernunft. Dies gilt auch für Vandana und Vaishnavi, deren Charisma, Energie und Begeisterung man sich kaum entziehen kann. Und doch steckte letztlich nicht allein Mitleid, sondern von Anfang an ein klares Ziel hinter ihren Bemühungen. Sie erkannten, dass die Frau nicht einfach "nur" arm und obdachlos war, sondern psychisch krank. Und sie begriffen, dass sie eine spezielle Betreuung brauchte. Erstaunlich ist dies aus unserer Sicht, weil der Zusammenhang zwischen Obdachlosigkeit und psychischer Krankheit bis heute auch im Westen oftmals geradezu systematisch übersehen wird.