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Von Nathan Bennett
Zu den irritierendsten psychischen Störungen gehört das sogenannte Münchhausen-Syndrom. Laut Weltgesundheitsorganisation besteht es in dem "absicht-lichen Erzeugen oder Vortäuschen von körperlichen oder psychischen Symptomen oder Behinderungen, um Aufmerksamkeit zu erlangen". Noch erschütternder ist diese Erkrankung, wenn sie in Form des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms auftritt. Dabei täuscht jemand bei anderen Krankheiten vor oder führt diese sogar bewusst herbei, um sich anschließend als Retter zu präsentieren.
Eine durchaus vergleichbare pathologische Erscheinung lässt sich in Organisationen beobachten. In Anlehnung an die Krankheit nenne ich sie "Münchhausen-Syndrom am Arbeitsplatz". In Unternehmen kommt es nämlich durchaus vor, dass Mitarbeiter künstlich Probleme schaffen, um anschließend den Helden zu spielen, der allein in der Lage ist, sie zu lösen.
Ein solches Verhalten führt letztlich dazu, dass Managementkapazitäten verschwendet werden und Arbeitsmoral sowie Produktivität leiden. Fälle solchen Verhaltens sind mir erstmals begegnet, als ich eine Untersuchung zu den Bedingungen für optimale Teamleistung durchführte. Dabei forschte ich über drei Jahre lang in mehr als 30 Unternehmen verschiedener Branchen in den USA. Nachdem ich einige Male mit dem Syndrom konfrontiert worden war, begann ich damit, dessen typische Merkmale zu definieren.
Auch wenn das Münchhausen-Syndrom in Unternehmen nur sporadisch auftritt, haben wahrscheinlich die meisten erfahrenen Manager bereits mit betroffenen Mitarbeitern zu tun gehabt. Und vermutlich haben sie festgestellt, dass diese den Betrieb extrem durcheinanderbringen können.
In einem der hundert größten Unternehmen der USA, in dem ich mich wegen meiner Untersuchung aufhielt, ist mir zum Beispiel ein Mann be-gegnet, den ich Herr Schneider nennen möchte. Er besaß einen ausgezeichneten Ruf, weil er scheinbar die außergewöhnliche Gabe hatte, Menschen zur Zusammenarbeit zu be-wegen. Er erzählte stolz Geschichten darüber, wie Menschen unter seiner Führung große Differenzen überwanden, um schließlich wieder produktiv zusammenzuarbeiten.