RSS Donnerstag, 17. Mai 2012

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Analytischer Beistand

Datenetikette

Eine große Versuchung

Anzahl Seiten: 12
Anzahl Zeichen: 42.990
Anzahl Worte: 5.658
Preis: 4,00 €

Fallstudie

Der gläserne Kunde

Von Thomas H. Davenport und Jeanne G. Harris

Das Versicherungsunternehmen IFA steckt in einer Zwickmühle: Soll es die Kundendaten der ShopSense-Lebensmittelkette kaufen, deren Auswertung interessante Informationen für die Kalkulation der Prämien und die Entwicklung neuer Produkte verspricht? Oder verspielen die beiden Partner so leichtfertig das Vertrauen ihrer Kunden?

Laura Brickman war erleichtert, denn ihren Einkauf hatte sie fast erledigt. Die Warteschlangen im örtlichen ShopSense-Supermarkt waren für einen Dienstagabend außerordentlich lang. Da sie mehrere Tage verreisen musste und deshalb im Voraus für die Familie Lebensmittel besorgen wollte, quoll ihr Einkaufswagen schier über. Zudem musste sie noch Koffer packen. Nur noch die letzten Artikel auf ihrer Liste: "Ein Dutzend Eier, ein Liter Orangensaft - und eine Packung Knusper-Schoko-Flakes?" Ihre sechsjährige Tochter Maryellen war offenbar auf den Tritthocker geklettert, hatte sich die Einkaufsliste von der Küchenarbeitsplatte geschnappt und mit einem leuchtend orangefarbenen Stift ihre Bestellung der klebrig-süßen Cornflakes auf den unteren Zettelrand gekritzelt.

Brickman nahm sich vor, mit dem kleinen Fräulein über die Auswirkungen zuckerhaltiger Cornflakes auf die Zähne von Kindern (und die Brieftaschen ihrer Eltern) zu sprechen. Vorsichtig, um keines der Eier zu zerbrechen, brachte sie die letzten Artikel im Einkaufswagen unter. Sie kam am ShopSense-Regal "Sommerfreuden" vorbei. "Haben wir eigentlich noch Sonnenschutzmittel?" Laura überlegte kurz und entschied sich dann gegen den Kauf. Sie schob ihren Wagen zum Kassenbereich und wartete.

Laura Brickman war Regionalleiterin für den Bereich Westküste bei IFA, einem der größten Anbieter von Lebens- und Krankenversicherungen in den USA, und sie hätte die Kassenabläufe von ShopSense normalerweise kaum beachtet - abgesehen von der Kontrolle der Preise beim Einscannen der Artikel. Doch seit das Schicksal ihres eigenen Unternehmens mit dem der landesweit vertretenen Lebensmittelhandelskette ShopSense mit Sitz in Dallas verflochten war, hatte sie wenig Lust, sich die Wartezeit am Zeitschriftenregal zu

vertreiben. Stattdessen fühlte sie sich verpflichtet, den Kassierern beim Einscannen der Artikel und beim Bedienen der Kasse auf die Finger zu schauen.

Vor etwa 14 Monaten hatten IFA und ShopSense ein interessantes Projekt vereinbart. Seit Jahren schon interessierte sich Laura Brickman für die Idee, Kundendaten nicht nur aus jenen Quellen zu beziehen, die die Versicherungsgesellschaften bei der Kalkulation ihrer Prämien und der Entwicklung neuer Produkte normalerweise nutzten. Sie hatte alle Artikel, Bücher und Interneteinträge gelesen, die sie zum Thema Kundenanalysen finden konnte. Sie wollte wissen, wie Unternehmen aus anderen Branchen vorgehen, um aus ihren Produkten und Prozessen größtmöglichen Wert zu schöpfen. Kasinos, Kreditkartenfirmen und selbst traditionsreiche Versicherungen taten sich heute mit Fluggesellschaften, Hotels und anderen Dienstleistungsunternehmen zusammen, um bestimmte Daten über ihre Kunden zu sammeln und zu analysieren. Aktuellen Untersuchungen zufolge gaben immer mehr dieser Unternehmen ihre Daten an Geschäftspartner weiter.

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