Anzahl Seiten: 14
Anzahl Zeichen: 36.951
Anzahl Worte: 4.768
Preis: 4,00 €
Von Alexander Galetovic und Bharat Anand
Vielleicht wollen Informationen tatsächlich frei sein, wie der Technologie-Guru Steward Brand behauptet. Wenn sie durch Patente und Urheberrechte geschützt sind, benötigen sie allerdings Produktpiraten und unabhängige Kopisten, um die Freiheit zu erlangen. In den Industrieländern bereitet die Innovationsgeschwindigkeit den Piraten den Boden und macht den Besitzern geistigen Eigentums das Leben schwer: Eine neue Technologie wie die gemeinsame Dateinutzung, das so genannte file sharing, kann die Überlebensfähigkeit einer ganzen Branche bedrohen.
In den Entwicklungsländern werden Ideen noch häufiger gestohlen, weil diese Staaten Gesetze nur halbherzig durchsetzen und nur geringe Strafen verhängen. Zudem weisen die Gesetze in diesen Ländern zahllose Schlupflöcher auf. Der japanische Technologiekonzern Nintendo schätzt, dass allein in China hergestellte Fälschungen im Jahr 2003 Umsatzverluste von 720 Millionen Dollar verursachten. Vermutlich handelt es sich auch bei fünf von sechs Motorrädern, die in China unter dem Label Yamaha verkauft werden, um Fälschungen. Und die Handelsgruppe Business Software Alliance geht davon aus, dass über die Hälfte aller im asiatisch-pazifischen Raum, in Lateinamerika und in Osteuropa installierten Softwareprogramme illegale Kopien lizenzierter Produkte sind. Die Inhaber geistigen Eigentums müssen die erste Kopie ihrer Produkte also teuer bezahlen, während die Kosten für eine illegale Nachahmerkopie meist verschwindend gering sind.
Angesichts solcher Gefahren zögern viele Unternehmen, ihre Waren in den Entwicklungsländern zu vermarkten oder Fabriken vor Ort zu errichten. Sie wollen warten, bis die in den Industrieländern üblichen Schutzrechte vorhanden sind. Tritt China beispielsweise der Welthandelsorganisation (WTO) bei, muss sich das Land verpflichten, geistiges Eigentum von Ausländern zu schützen. Der allgemeine Schutz geistigen Eigentums liegt mittlerweile auch im Interesse des Landes: Viele chinesische Unternehmen werden gerade selbst innovativ und setzen diese Innovationen in gefragte Produkte um. Durchaus denkbar, dass die chinesische Regierung den Nutzen der Rechte erkennt. Bis die Regeln gelten, verzichten
zögernde Unternehmen jedoch auf riesige ökonomische Chancen, die ihre mutigeren Mitbewerber bereits ergreifen.
Doch warum gehen einige Unternehmen Risiken ein, während sich andere nicht trauen? Zunächst einmal wissen sie, dass Gesetze allenfalls begrenzten Schutz bieten. Selbst unter den besten Bedingungen gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Deshalb ist das Fehlen von Gesetzen für diese Firmen auch kein hinreichender Grund, den Markteintritt hinauszuzögern. Rechtliche Auseinandersetzungen sind langwierig, ineffizient und kostspielig. Selbst in den USA sind Prozesse keineswegs ein sicherer Weg, eine Rechtsverletzung nachzuweisen. Geistiges Eigentum lässt sich nur schwer fassen, Rechtsverletzungen können subtil sein.