HENRY PETROSKI
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Preis: 6,00 €
Von Henry Petroski
Produkte mit der Aufschrift "neu" oder "besser" begegnen uns überall, sie werden vermarktet mit Slogans wie "hellt Zähne auf", "wäscht kuschelig weich" und "ist in Minuten gar". Auch bei komplexen technischen Systemen spielt der komparative Vorteil in der Werbung eine bedeutende Rolle: das höhere Gebäude mit einer größeren Anzahl erschwinglicher Büros, die längere Brücke mit einer leichteren Fahrbahnkonstruktion, ein noch flacherer Laptop mit längerer Akkulaufzeit. Doch wenn angeblich alles eine neue, verbesserte Version einer alten Technik ist, warum sind so viele Produkte dann nicht erfolgreich, warum gehen so viele Vorschläge unter, und warum stürzen so viele Systeme ab?
Wollen wir etwas neu gestalten - gleich, ob es sich dabei um eine Stecknadel, ein Beschaffungssystem oder eine Hotelanlage in Las Vegas handelt -, müssen wir zunächst Misserfolge verstehen. Erfolge geben uns die Sicherheit, etwas richtig zu machen, aber sie liefern uns nicht zwangsläufig die Information, was und warum. Misserfolge wiederum sind ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass wir etwas falsch gemacht haben. Das ist eine unschätzbar wertvolle Information.
Jede Weiterentwicklung steckt voller Risiken. Dies lässt sich gut am Beispiel der Büroklammer veranschaulichen. Hunderte verschiedener Modelle wurden im vergangenen Jahrhundert auf den Markt gebracht, und jedes Modell hatte den Anspruch, besser zu sein als der Prototyp der Firma Gem. Bis jetzt hat es jedoch kein anderes Modell geschafft, die Gem-Büroklammer abzulösen. Sie hat ihre Vormachtstellung behauptet, weil sie, obwohl keineswegs perfekt, ein ausgewogenes Verhältnis von Form und Funktion aufweist.
Jeder Herausforderer hat vielleicht in einer Hinsicht eine Verbesserung gegenüber der Gem-Büroklammer erzielt, dies dann allerdings auf Kosten anderer Eigenschaften. So fällt eine Büroklammer, die sich leichter befestigen lässt, wenn viele Blätter zusammengehalten werden sollen, wahrscheinlich auch schneller ab. Entwickler konzentrieren sich oft gänzlich auf die Vorteile ihrer Neuentwicklung und versäumen es, deren Nachteile abzuschätzen (oder sie ignorieren sie schlichtweg).
Stellen Sie sich vor, wie viel komplexer die Aufgabe ist, die Konstruktion eines Jumbojets zu überarbeiten. Die Aerodynamik schreibt mehr oder weniger die gesamte äußere Form vor. Das wiederum schränkt die Möglichkeiten bei der Gestaltung des Innenraums ein, der nicht nur anspruchsvollen Passagieren gerecht werden muss, sondern auch als Gepäck- und Frachtraum zweckmäßig sein soll.