Von John Seely Brown und Paul Duguid
Internet und E-mail, weltweite Vernetzung und globaler elektronischer Handel ver-ändern die Wirtschaft. Aber welche Auswirkungen hat die neue Technik auf die Zukunft der Unternehmen selbst? Ist die Firma in der traditionellen Form ein Dinosaurier, der in der Wirtschaft der Zukunft von kleinen, beweglicheren Einheiten verdrängt wird? Gehört die Zukunft den hochqualifizierten Individuen, die sich im Cyberspace zusammentun? Nein, meinen die beiden Autoren. Die altvertraute Firma bleibt, weil sie Stärken besitzt, die bisher nur noch nicht richtig erkannt wurden: Wie keine andere Institution ist sie in der Lage, Wissen zu organisieren. Denn das Know-how der Praxis, das über reines Fachwissen weit hinausgeht, entsteht nur im direkten, oft informellen Austausch der Menschen am Arbeitsplatz. Und es ist genau dieses Wissen , das dem Unternehmen einen Wertbewerbsvorteil verschafft.
Im Informationszeitalter scheint die Firma in ihrer bisherigen Form einer ungewissen Zukunft entgegenzusehen. Die neue Technik nimmt die ehrwürdigen Institutionen der traditionellen Wirtschaft von allen Seiten unter Beschuß - Presse, Rundfunk, Universitäten, selbst Regierungen und Nationalstaaten sind bedroht. Einige Enthusiasten meinen, keine formelle Organisation solle mehr zwischen dem mit neuer Verantwortung ausgestatteten Menschen und Marshall McLuhans strukturlosem "globalen Dorf" stehen. Es kann kaum überraschen, wenn wir hören, im Cyberspace der Zukunft werde die Firma allenfalls in virtueller Form weiterbestehen.
Viele Urheber solcher Vorhersagen betrachten Unternehmen vor allem unter dem Gesichtspunkt der Transaktionskosten. Sie seien es, die eine Organisation zusammenhalten; und ein großer Teil entstehe nur durch mangelnde Kommunikation. Also liegt die Schlußfolgerung nahe, daß die neue Kommunikationstechnik die Transaktionskosten so weit drücken kann, bis hierarchisch strukturierte Firmen sich auflösen und in Märkten aus sich selbst organisierenden Individuen aufgehen (siehe Williamson/Winter 1993).
Diesem Ansatz widersprechen jetzt aber Autoren wie Ikujiro Nonaka. Sie setzen einen "wissensbasierten" Blick auf Unternehmen dagegen, wonach das in einer Organisation vorhandene Wissen einen Synergievorteil bietet, der auf andere Weise im Markt nicht herbeizuführen ist. Nicht Transaktionskosten halten also das Unternehmen zusammen, sondern das hier versammelte Wissen (siehe Nonaka/Takeuchi 1995).
Viele denken, Wissen sei der Besitz von Individuen. Doch in vielen Fällen wird es in einem Kollektiv erworben und nur im Kollektiv erhalten. Solches Wissen entsteht, wenn Menschen in eng verknüpften Gruppen zusammenarbeiten, die als "Gemeinschaften von Praktikern" bekannt sind (siehe Lave/Wenger 1993). Eine derartige Arbeitsweise und diese Gemeinschaften gibt es in allen Organisationen, deshalb ist betriebliches Wissen grundsätzlich sozialer Natur. Ein wesentlicher Teil der Arbeit von Firmen und anderen Organisationen besteht darin, das Wissen zu steuern.