Von Henry Mintzberg
Das Gleichnis vom Unternehmenschef als Leiter eines Orchesters wird oft gebraucht. Was an dem Mythos vom Herrscher am Dirigentenpult wirklich dran ist, wollte unser Autor genauer wissen. Daher verbrachte er einen Probentag mit dem Chef des Winnipeg Symphony Orchestra. Dabei konnte er beobachten, wie geschickt der Dirigent seine 70 professionellen Musiker führt. Selbstverständlich beherrschen sie ihre Instrumente hervorragend und kennen alle Aufgaben, die zur Orchester- arbeit gehören. Sie sind Profis und brauchen vom Chef keine detaillierten Arbeitsanweisun- gen, wohl aber erwarten sie von ihm künstlerische Impulse. Es überraschte Mintzberg, auf welch zurückhaltende Weise der Dirigent sein Orchester leitete - beispielhaft auch für konventionell agierende Manager.
Bramwell Tovey, der künstlerische Leiter und Dirigent des Winnipeg Symphony Orchestra, entspricht nicht unbedingt dem Bild, das die Leute von einem typischen Manager hegen. Dieser wird gewöhnlich - nicht zuletzt in Karikaturen nach Art des "New Yorker" - als ein gepflegter Mann hingestellt, der in einem eleganten Büro mit schönem Ausblick sitzt, umgeben von Erfolgsdiagrammen, die über die Wände verteilt sind.
Dagegen mutet die Leitung eines Orchesters eher als eine recht eigenartige Form von Management an. Doch Wissensarbeit gewinnt an Bedeutung, und immer mehr Tätigkeiten werden inzwischen von qualifizierten und vertrauenswürdigen Fachleuten ausgeübt. Daher kann die Art und Weise, wie Bramwell sein Orchester leitet, wahrscheinlich verdeutlichen, worauf es beim Managen heutzutage ankommt.
Im Laufe meiner eigenen beruflichen Tätigkeit habe ich die Arbeit und Arbeitsweisen von Managern immer wieder aus der Nähe und Ferne untersucht. Gerade in jüngster Zeit verbrachte ich eine Reihe von Arbeitstagen mit den unterschiedlichsten Führungspersönlichkeiten, von denen ich jede bei ihrer Arbeit einen Tag lang beobachtete.
Weil nun die Metapher vom Orchesterleiter so häufig herangezogen wird, um das Wirken eines Unternehmensführers sinnfällig zu machen, kam mir ein Gedanke: Es müßte doch höchst lehrreich sein, einmal einen Tag lang einem Orchesterleiter über die Schulter zu schauen. So kam ich mit Bramwell Tovey zusammen. Den Tag mit ihm gedachte ich dazu zu nutzen, den Mythos vom Manager als des großen Dirigenten auf seinem Podium - als des Chefs, der uneingeschränkt alles unter Kontrolle hat - zu erforschen und vielleicht gar zu zerstören.